Oberpfälzer Seenland

Oberpfälzer Seenland – eine Landschaft im Wandel

Von alten Eisenhämmern und stillen Waldweihern bis zu den Seen des ehemaligen Braunkohlereviers

Manche Landschaften begleiten uns schon lange, bevor wir beginnen, uns für ihre Geschichte zu interessieren.

Für mich gehört die Gegend um Bodenwöhr dazu. Schon als Kind war ich mit meiner Familie immer wieder am Hammersee. Wir hatten unseren Badeplatz etwas abseits im Wald, nur wenige hundert Meter vom Campingplatz entfernt. Hier verbrachten wir gemeinsam Sommertage am Wasser.

An viele Einzelheiten kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Umso schöner war es, als ich nach all den Jahren wieder dort stand und unseren alten Badeplatz sofort wiedererkannte.

Ob und wie sehr sich dieser Ort inzwischen verändert hat, könnte ich gar nicht sagen. Aber er war mir auf Anhieb wieder vertraut gewesen.

Diesmal war ich zum Wandern hier. Vom Hammersee führt mich mein Weg hinaus in die umliegenden Wälder, vorbei an weiteren Weihern und durch eine Landschaft, deren Geschichte weit über meine Kindheitserinnerungen hinausreicht.

Bodenwöhr – von alten Eisenhämmern und stillen Waldweihern

Schmale Pfade schlängeln sich zwischen Kiefern hindurch. Ihr würziger Duft begleitet mich durch den Wald. Am Weichselbrunner Weiher öffnet sich zwischen den Bäumen der Blick auf das Wasser. Die Ufer sind stellenweise dicht bewachsen, und Spuren des Bibers verraten, dass hier noch andere Bewohner unterwegs sind.

Auch der Breitenbrucker Weiher liegt eingebettet zwischen den Wäldern. Immer wieder wechseln sich stille Wasserflächen, schmale Wege und lichte Kiefernbestände ab.

Während der Hammersee für mich als Kind vor allem ein Ort zum Baden war, interessieren mich inzwischen auch die Geschichten, die sich hinter solchen Landschaften verbergen.

Eine erste Spur steckt bereits im Namen des Sees.

Die Geschichte Bodenwöhrs ist seit Jahrhunderten eng mit der Eisenverarbeitung verbunden. Schon im Mittelalter nutzten Eisenhämmer die Kraft des Wassers, um schwere Hämmer anzutreiben. Dafür wurden Bäche aufgestaut und Wasserläufe reguliert.

Auch der Hammersee verdankt seine Entstehung dieser frühen industriellen Nutzung. Seine Wasserkraft diente dem Bodenwöhrer Eisen- und Hüttenwerk, das die Entwicklung des Ortes über Jahrhunderte prägte. Erst 1971 wurde der Betrieb eingestellt.

Dass ausgerechnet der See meiner Kindheit Teil einer so langen Industriegeschichte ist, war mir damals nicht bewusst.
Die Geschichte führt sogar noch ein Stück weiter zurück, an den Weichselbrunner Weiher.

Bereits im 13. Jahrhundert wurde hier ein Eisenhammer betrieben. Um die Wasserkraft zu nutzen, staute man Bäche auf. Als der Hammerbetrieb später nach Bodenwöhr verlegt wurde, entstand dort mit dem heutigen Hammersee ein weiterer Stauweiher.

Am Hammersee und am Weichselbrunner Weiher ist von dieser früheren Nutzung heute auf den ersten Blick wenig zu erkennen.

Am Weichselbrunner Weiher treffen trockene, nährstoffarme Kiefernwälder unmittelbar auf feuchte Uferbereiche mit Schilf und Verlandungszonen. Gerade dieser Wechsel unterschiedlicher Lebensräume macht das heutige Naturschutzgebiet so wertvoll.

Einige Kilometer weiter wurde die Landschaft in einer Größenordnung verändert, die mit dem Aufstauen einzelner Weiher kaum noch vergleichbar ist.

Dort, rund um Wackersdorf und Steinberg am See, liegen heute große Wasserflächen, wo einst Braunkohle abgebaut wurde.

Wandertipp: Hammersee und Waldweiher bei Bodenwöhr

Start: Bodenwöhr
Strecke: 14,4 km
Höhenmeter: 120 Hm

Eine Wanderung durch Kiefernwälder, vorbei am Hammersee und mehreren stillen Weihern.

Wackersdorf – wo die Landschaft umgegraben wurde

Meine nächste Wanderung beginnt in Wackersdorf. Rund 20 Kilometer liegen vor mir, auf denen ich große Seen, Waldwege und Spuren des früheren Braunkohlebergbaus entdecken werde.

Schon zu Beginn begegne ich Zeugnissen dieser Vergangenheit. Alte Waggons, Turbinen und ein gewaltiges Schaufelrad erinnern an eine Zeit, in der hier Kohle gefördert wurde.

Zwischen dem heutigen Grün wirken die Maschinen beinahe wie Fremdkörper.

Nicht weit entfernt liegt das Geotop 99, an dem ein Teil der einstigen Braunkohlelagerstätte erhalten geblieben ist. Bei meiner Wanderung finde ich das Tor allerdings verschlossen. Einen genaueren Blick auf die freigelegten Schichten kann ich deshalb nicht werfen.

Erst bei der späteren Beschäftigung mit der Geschichte des Reviers wird mir bewusst, wie weit diese Schichten zurückführen.

Als hier noch Sumpfwälder wuchsen

Vor Millionen Jahren durchzogen die Ur-Naab und ihre Nebenflüsse diese Landschaft. In ihren Tälern lagerten sich Sande, Kiese und Tone ab. In ruhigeren Seitenarmen, in denen Gewässer allmählich verlandeten, breiteten sich unter warmen, feuchten Klimabedingungen ausgedehnte Sumpfwälder aus.

Abgestorbene Pflanzenreste sammelten sich an und wurden im Laufe der Zeit von weiteren Sedimenten überdeckt. Unter dem zunehmenden Druck der darüberliegenden Schichten entstand daraus Braunkohle.

Was im 20. Jahrhundert aus der Erde geholt wurde, war also selbst das Überbleibsel einer längst verschwundenen Landschaft.

Wo heute Wälder und Seen liegen, wuchsen einst andere Wälder. Aus ihren Überresten entstand die Kohle, deren Abbau wiederum das heutige Landschaftsbild prägte.

Auch am Eixendorfer See im Oberpfälzer Wald hat der Mensch die Landschaft grundlegend verändert. Dort entstand allerdings kein Tagebausee, sondern ein Stausee, unter dessen Wasser heute Teile einer früheren Kulturlandschaft liegen. Mehr darüber erzähle ich in meinem Wanderbericht „Eixendorfer Seeweg – Wandern über dem Atlantis der Oberpfalz“.

Vom Braunkohlerevier zur Seenlandschaft

Die industrielle Förderung begann im Raum Wackersdorf Anfang des 20. Jahrhunderts. Über Jahrzehnte wurden gewaltige Mengen Erde bewegt, um an die Braunkohle zu gelangen. Gewachsene Böden verschwanden, Gruben entstanden und Abraum wurde aufgeschüttet.

Die Veränderungen betrafen nicht nur die Natur. In den 1950er-Jahren musste sogar das damalige Wackersdorf den Abbauflächen weichen. Häuser wurden abgetragen, Menschen umgesiedelt und der Ort an anderer Stelle neu aufgebaut.
Für die Region bedeutete die Braunkohle zugleich Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung. Doch der Preis dafür war eine tiefgreifende Umgestaltung der Landschaft.

Als 1982 die letzte Kohle gefördert wurde, begann eine weitere Phase der Veränderung.

Während des Tagebaus hatte man Grundwasser abpumpen müssen, um die Gruben trocken zu halten. Nach dem Ende der Förderung konnte es wieder ansteigen. Über einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahrzehnten füllten sich ehemalige Abbauflächen mit Wasser. So entstanden mehrere der großen Seen, die heute das Oberpfälzer Seenland prägen.

Andere Bereiche wurden verfüllt und rekultiviert. Auf den umgelagerten Materialien setzte eine neue Bodenentwicklung ein. Bäume wurden gepflanzt, Vegetation breitete sich aus, und allmählich entstand eine Landschaft, deren industrielle Vergangenheit heute vielerorts kaum noch zu erkennen ist.

Die Folgen des Bergbaus stecken jedoch weiterhin in den Böden, in der Gestalt des Geländes und in den großen Wasserflächen.

Vom Knappensee zum Steinberger See

Am Knappensee ist von der früheren Industrielandschaft auf den ersten Blick wenig zu erkennen. Schilf säumt die Ufer, stellenweise gehen Wasser und bewachsene Verlandungsbereiche beinahe ineinander über. Auch Spuren des Bibers lassen sich entdecken.

Nach dem Ende der Förderung entwickelte sich hier ein vergleichsweise flaches Gewässer, dessen Ufer heute von Schilf und anderen Pflanzen geprägt werden.

Nur wenig später öffnet sich am Steinberger See eine ganz andere Welt.

Hier reicht der Blick weit über das Wasser. Wellen laufen ans Ufer, und über den Bäumen ragt die Erlebnisholzkugel auf. Liegewiesen, Wassersport und zahlreiche Freizeitangebote prägen das Bild.

Auch der Steinberger See entstand aus einer ehemaligen Braunkohlegrube. Während am Knappensee vor allem die bewachsenen Ufer auffallen, wurde der Steinberger See gezielt zu einer Freizeitlandschaft gestaltet.

Dabei gibt es auch am Steinberger See ruhigere Uferbereiche und Lebensräume für Tiere und Pflanzen.

Hirtlohweiher – vom Absetzbecken zum Lebensraum

Nach der Weite des Steinberger Sees führt mich mein Weg wieder in eine ruhigere Landschaft. Die Querung einer größeren Straße ist dabei weniger reizvoll, doch dahinter wartet der Hirtlohweiher.

Er liegt zwischen Bäumen und dicht bewachsenen Ufern. Schilf nimmt große Bereiche ein, dazwischen ziehen sich schmale offene Wasserflächen hindurch. Fast wirken sie wie kleine Wasserwege, die im Röhricht verschwinden.

Später erfahre ich, dass auch dieser stille Weiher eine unmittelbare Verbindung zum Braunkohlebergbau besitzt.

Der Hirtlohweiher diente einst als Absetzbecken für das Wasser, das aus den Tagebaugruben abgepumpt wurde. Er gehörte zur technischen Infrastruktur des Bergbaus.

Nach dem Ende dieser Nutzung konnten sich große Schilf- und Verlandungsbereiche entwickeln. Bereits 1984 erwarb der Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern das Gebiet. Später wurden gezielte Maßnahmen durchgeführt, um die Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu verbessern.

Dass dieser stille Weiher einmal zum Braunkohlebergbau gehörte, ist beim Vorbeiwandern kaum zu erkennen.

Nur wenige Kilometer entfernt liegt das Charlottenhofer Weihergebiet. Dort beginnt die Geschichte vieler Wasserflächen allerdings schon Jahrhunderte vor dem Braunkohlebergbau.

Wandertipp: Im Oberpfälzer Seenland

Start: Wackersdorf
Strecke: 20,6 km
Höhenmeter: 120 Hm

Eine Wanderung durch das ehemalige Braunkohlerevier mit Bergbaurelikten, Knappensee, Steinberger See, Hirtlohweiher und weiteren Gewässern.

Charlottenhofer Weihergebiet – eine stille Kulturlandschaft

Schon öfter war ich durch das Charlottenhofer Weihergebiet gefahren und hatte mir vorgenommen, diese Landschaft irgendwann zu Fuß zu erkunden. Nun beginne ich meine Wanderung in Holzhaus, von wo aus mich eine rund 16 Kilometer lange Runde durch Wälder, entlang zahlreicher Weiher und schließlich bis zum Murner See führt.

Auf weiten Teilen der Strecke begegne ich kaum anderen Menschen. Dafür scheint an den Gewässern umso mehr Leben zu herrschen.
Enten ziehen über die Wasserflächen, Schwäne gleiten zwischen den Ufern hindurch. Gänse und Reiher sind unterwegs, und auch Rallen lassen sich beobachten. Immer wieder bleibe ich stehen, schaue zwischen den Bäumen hindurch auf das Wasser oder versuche, einen der gefiederten Bewohner mit der Kamera festzuhalten.

Ein Bussard überrascht mich besonders. Er sitzt im Gras und fliegt auf, noch bevor ich die Kamera richtig zur Hand nehmen kann. Für ein Foto reicht die Begegnung nicht, aber sie bleibt mir trotzdem in Erinnerung.

An anderer Stelle habe ich mehr Glück.

Auf einem Weiher breiten sich große Teppiche aus Seerosen aus. Während ich die Blätter und Blüten fotografiere, entdecke ich plötzlich auch einen Frosch zwischen ihnen.

Zwischen den Gewässern führen Wege über Dämme und durch Wälder. Mal liegt das Wasser offen vor mir, mal verschwindet es hinter Schilf und dichter Ufervegetation. Sumpfige und moorige Bereiche wechseln sich mit trockeneren Waldabschnitten ab.

Die Dämme, auf denen ich zwischen den Weihern entlangwandere, erinnern daran, dass diese Landschaft seit Jahrhunderten vom Menschen genutzt wird.

Eine Wasserlandschaft mit jahrhundertealter Geschichte

Die Ursprünge der Charlottenhofer Weiherlandschaft reichen weit ins Mittelalter zurück. Bereits im 15. Jahrhundert wurden hier in größerem Umfang Weiher angelegt und für die Fischzucht genutzt.

Über Generationen hinweg veränderten Menschen den Wasserhaushalt, errichteten Dämme und regulierten Wasserstände. Besonders die Karpfenzucht prägte das Gebiet und ist bis heute Teil seiner Nutzung.

Doch auch diese Landschaft blieb von den Veränderungen des 20. Jahrhunderts nicht verschont.

Zwischen 1966 und 1976 ging durch den Braunkohleabbau etwa ein Drittel des damaligen Weihergebiets verloren. Eine Landschaft, die über Jahrhunderte gewachsen war, wurde innerhalb weniger Jahre teilweise beseitigt.

Auf meiner Wanderung wird dieser Gegensatz am Murner See deutlich. Nach den kleineren, von Schilf und Wald umgebenen Weihern öffnet sich eine weite Wasserfläche. Vom Aussichtsturm lässt sich der See überblicken, der selbst aus dem früheren Braunkohleabbau hervorgegangen ist.

Hier liegen jahrhundertealte Teichwirtschaft und junge Bergbaufolgelandschaft beinahe nebeneinander.

Wenn Natur Unterstützung braucht

Dass die Charlottenhofer Weiher heute so vielen Tieren und Pflanzen Lebensraum bieten, hängt auch mit ihrer jahrhundertelangen Nutzung zusammen.
Die Teichwirtschaft hat die Gewässer geschaffen und verändert. Im Laufe der Zeit entstanden dabei Lebensräume, die heute einen besonderen ökologischen Wert besitzen.

Allerdings ist nicht jede Form der Bewirtschaftung gleichermaßen günstig für die Natur. Werden Weiher intensiv genutzt, können empfindliche Ufer- und Verlandungsbereiche verloren gehen. Eine zurückhaltende Nutzung hingegen kann dazu beitragen, diese Lebensräume zu erhalten.

Im Charlottenhofer Weihergebiet arbeiten Naturschutz und Teichwirtschaft deshalb seit Jahrzehnten zusammen. Bereits seit 1988 wurden Vereinbarungen mit Teichwirten getroffen, um einzelne Gewässer extensiv zu bewirtschaften und wertvolle Röhricht- und Verlandungszonen zu bewahren.

Auch die Weiher selbst verändern sich. Pflanzen breiten sich aus, abgestorbenes Material sammelt sich am Gewässergrund, flache Bereiche verlanden. Mit der Zeit können daraus Sümpfe, Moore oder andere Feuchtlebensräume entstehen.

Das ist ein natürlicher Prozess und keineswegs grundsätzlich ein Verlust. Doch manche Tier- und Pflanzenarten sind gerade auf offene Wasserflächen oder bestimmte Uferbereiche angewiesen.

Welche Entwicklung an einem Ort erwünscht ist und welche Lebensräume geschützt werden sollen, muss deshalb sorgfältig abgewogen werden.

Wandertipp: Charlottenhofer Weihergebiet

Start: Holzhaus
Strecke: ca. 16 km
Höhenmeter: ca. 90–100 Hm

Eine ruhige Wanderung durch historische Weiher, Feuchtgebiete und Wälder mit einem Abstecher zum Murner See.

Was bleibt – und was entstehen kann

Als ich nach vielen Jahren an den Hammersee zurückkehrte, war mir dieser Ort sofort wieder vertraut. Wie sehr er sich inzwischen verändert hatte, konnte ich nicht sagen.

Heute weiß ich zumindest etwas mehr über seine Geschichte. Und nach meinen Wanderungen durch das Oberpfälzer Seenland sehe ich auch die vielen anderen Gewässer der Region mit anderen Augen.

Hinter den stillen Waldweihern bei Bodenwöhr steht eine jahrhundertealte Geschichte der Wassernutzung. Die großen Seen bei Wackersdorf erinnern dagegen an den Braunkohleabbau, der Landschaften und Lebensräume tiefgreifend veränderte. Im Charlottenhofer Weihergebiet hat sich eine historische Kulturlandschaft erhalten, die heute zahlreichen Tieren und Pflanzen Lebensraum bietet.

Nicht alles, was dabei verloren ging, lässt sich wiederherstellen. Denn ein gefluteter Tagebau ersetzt weder die verschwundenen Böden noch die Lebensräume, die zuvor an seiner Stelle existierten.

Und doch ist bemerkenswert, was sich auf solchen Flächen entwickeln kann.

Ich denke an die Schilfufer am Knappensee, an die stillen Wasserflächen des Hirtlohweihers und an den Frosch zwischen den Seerosen.

Die Natur braucht Zeit. Zeit, damit neue Lebensräume entstehen, Pflanzen wieder Fuß fassen und Tiere zurückkehren können.

Manchmal braucht sie dabei unsere Unterstützung. Und manchmal genügt es, ihr den nötigen Raum zu lassen.

Quellen und weiterführende Informationen

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