Ein Jakobsweg ohne Pilgerreise
Fünf Etappen auf dem Oberpfälzer Jakobsweg
Dezember. Der Winter hält Einzug.
Nicht als unser Idealbild einer weißen Vorweihnachtszeit, sondern nass und grau.
Eine Zeit, in der es manchmal schwerer fällt, einen Schritt vor den anderen zu setzen.
Eine Zeit des Matsches.
Und gleichzeitig eine Zeit, in der ich mich bewusst auf den Weg machen will.
Der Jakobsweg. Ein Weg, dem innere Einkehr, Ruhe und Spiritualität zugeschrieben werden.
Aber auch ein Weg, der oft über Teer und Schotter führt. Nicht mein bevorzugter Untergrund – und doch, zu dieser Jahreszeit, vielleicht genau der richtige. Nicht als Pilgerreise gedacht, sondern als Weg, der mich in Bewegung hält. Äußerlich, über Etappen und Kilometer. Und innerlich, durch das Gehen selbst.
Diese Gedanken führten dazu, dem Jakobsweg eine Chance zu geben, in Form eines Abschnitts des oberpfälzisch-fränkischen Jakobswegs. Nicht aus einem Pilgerimpuls heraus, nicht mit dem Wunsch nach Stempeln, Herbergen oder einem großen Ziel. Sondern aus pragmatischen Gründen: feste Wege, tragfähiger Untergrund, eine Route, die sich auch bei Matsch und Nässe gut gehen lässt.
So begann ich, etappenweise zwischen Schwandorf und Altdorf bei Nürnberg unterwegs zu sein – fünf Tage, rund 80 Kilometer, jeden Abend wieder zuhause. Kein klassisches Pilgern also, sondern ein bewusst gewählter Weg durch vertraute Landschaften. Durch Oberpfalz und Franken, durch Hirschwald, Lauterachtal und Frankenalb.
Immer wieder stellte sich dabei die Frage, ob es überhaupt einen „besonderen“ Weg braucht, um besondere Erfahrungen zu machen. Oder ob nicht jeder Weg, der sich über mehrere Tage erstreckt, diese Tiefe entfalten kann – wenn man ihm Raum gibt. Denn liegt das Eigentliche nicht vielmehr im Gehen selbst? Im Wiederholen, im Unterwegssein, in der Zeit, die man sich dafür nimmt?
Was blieb, war kein Gefühl des Ankommens, sondern eines der Rückkehr. In Landschaften, die mich geprägt haben. Und in eine Ruhe, die sich nicht aus dem Ziel ergibt, sondern aus dem Gehen selbst.
Ein Jakobsweg ohne Pilgerreise
Der Jakobsweg bringt Erwartungen mit sich. Bilder von Pilgern, von Stempeln im Ausweis, von Herbergen, von langen Wegen mit einem klaren Ziel. Von innerer Einkehr, die an einen Ort gebunden scheint. Vieles davon ist vertraut, manches davon inspirierend. Und doch war genau das nicht der Grund, warum ich mich auf diesen Weg gemacht habe.
Ich habe keine Stempel gesammelt. Ich habe nicht in Pilgerunterkünften übernachtet. Und ich bin jeden Abend wieder nach Hause gefahren. Mein Weg bestand aus einzelnen Etappen, eingebettet in den Alltag, ohne Bruch, ohne bewusste Abgrenzung vom Gewohnten. Kein Ankommen in einer anderen Welt, sondern ein tägliches Unterwegssein, das sich in das Bestehende eingefügt hat.
Vielleicht war es gerade das, was mir diesen Weg geöffnet hat. Der Jakobsweg war für mich weniger ein Versprechen, sondern eine Möglichkeit. Eine Linie durch die Landschaft, die mir Orientierung gab, ohne mich festzulegen. Ein Weg, der tragfähig war, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Feste Untergründe, verlässliche Markierungen, eine Route, die auch bei Nässe und Matsch gut zu gehen ist. Pragmatisch, ja. Aber nicht oberflächlich.
Denn während ich ging, stellte sich immer wieder dieselbe Frage: Muss ein Weg all das erfüllen, was man ihm zuschreibt? Oder liegt das Eigentliche nicht darin, wie man ihn geht? In der Zeit, die man sich nimmt. In der Bereitschaft, nicht zu beschleunigen, sondern zu wiederholen. Schritt für Schritt, Tag für Tag.
So wurde dieser Jakobsweg für mich kein Pilgerweg im klassischen Sinn, sondern ein Rahmen. Einer, der es erlaubt hat, im Gehen zu bleiben – körperlich und innerlich. Ohne Zielpathos, ohne äußeren Anspruch. Einfach unterwegs, durch Tage, Wetter und Landschaften, die nichts Besonderes sein wollten und gerade dadurch Raum gelassen haben.
Durch vertraute Landschaften
Viele der Wege, die ich auf diesem Abschnitt gegangen bin, waren mir nicht neu. Oberpfalz und Franken, Hirschwald, Lauterachtal, Frankenalb – das sind Landschaften, in denen ich oft unterwegs bin. So oft, dass sich manchmal fast so etwas wie ein inneres Augenrollen einstellt: schon wieder Hirschwald. Schon wieder diese Gegend.
Und doch hat sich dieses Gefühl auf jeder Etappe verflüchtigt, kaum dass ich unterwegs war.
Bereits am Ende der ersten Etappe, auf dem Weg nach Ensdorf, war es spürbar. Ich kam aus Wald und Wiesen heraus, das Vilstal öffnete sich, und dahinter lag der Hirschwald. Im Nebel, im Regen, ohne große Geste. Und trotzdem war da diese stille Freude, die sich nicht aufdrängte, sondern einfach da war. Wie das Wiedersehen mit einem alten Freund, bei dem es egal ist, wie das Wetter ist oder wie lange man sich nicht gesehen hat.
Gerade der Naturpark Hirschwald hat mich auf dieser Tour immer wieder daran erinnert, warum ich so gerne zurückkomme. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Vertrautheit. In der zweiten Etappe zeigte er sich von so vielen Seiten, dass jede Erwartung hinfällig wurde: grauer Nebel am Morgen, kurze Lichtfenster, später blauer Himmel, dann wieder Nebelbänke, die von der Sonne durchzogen wurden. Und schließlich das Lauterachtal, in warmes Abendlicht getaucht, als stiller, weiter Abschluss des Tages.
Es war, als würde die Landschaft selbst antworten. Nicht laut, nicht überschwänglich, sondern auf ihre eigene Weise. Als würde sie sagen: Du kannst ruhig wiederkommen. Es wird nicht langweilig. Und vielleicht auch: Es ist gut, dass du da bist. Auch deshalb habe ich dem Naturpark Hirschwald einen eigenen Artikel gewidmet,
zum Hirschwald-Artikel.
Auch die dritte Etappe, entlang der Lauterach, trug dieses Gefühl weiter. Ein Tal, das sich Zeit lässt, ein Fluss, der begleitet, ohne sich aufzudrängen. Bekannte Wege, neue Perspektiven. Keine großen Überraschungen und gerade deshalb viel Tiefe. Die Landschaft musste nichts beweisen. Sie war einfach da.
So wurde das Unterwegssein durch diese vertrauten Räume nicht zu einer Wiederholung, sondern zu einer Vertiefung. Nicht das Neue stand im Vordergrund, sondern das Wiedersehen. Und die Erkenntnis, dass Nähe nicht durch Abwechslung entsteht, sondern durch Aufmerksamkeit.
Dem Wasser folgen
Fast unmerklich begann sich auf diesem Weg ein Motiv zu zeigen, das sich nicht aufdrängte, aber blieb. Immer wieder führte die Route an Wasser entlang, kreuzte Flüsse, folgte Tälern, begleitete Bäche. Nicht geplant, nicht gesucht, eher als ein leiser Zusammenhang, der sich erst im Rückblick erschloss.
Gleich zu Beginn war es die Naab, die den Weg aus Schwandorf hinaus begleitete. Stadtnah, belebt, mit Wasservögeln am Ufer, und doch bereits ein erster Übergang. Später öffnete sich das Vilstal bei Ensdorf, ruhig und weit, bevor der Weg erneut in Wald und Höhenzüge führte.
Mit der Lauterach wurde das Wasser schließlich zum stetigen Begleiter. Ein Fluss, der sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern den Rhythmus vorgibt. Mal nah am Weg, mal nur hörbar, dann wieder sichtbar in Spiegelungen und kleinen Bewegungen. Das Gehen veränderte sich hier kaum, aber es wurde gleichmäßiger, ruhiger, getragen.
Rückblickend fügten sich diese Flüsse zu einer stillen Linie: Lauterach, Vils und Naab gehören zusammen, fließen ineinander, setzen ihren Weg fort – weit über diese Landschaft hinaus bis ins Schwarze Meer. Nicht als Gedanke, der mich unterwegs beschäftigte, sondern als Verbindung, die sich im Rückblick deutlicher zeigte.
Auf der letzten Etappe trat mit der Schwarzach noch einmal ein anderes Bild hinzu. Ein Fluss, der in der Oberpfalz entspringt und nach Franken fließt. Während der Weg sich Altdorf näherte, begleitete mich das Wasser beim tatsächlichen Übergang zwischen den Landschaften, unbeirrt von Grenzziehungen, still und selbstverständlich. Nicht als Grenze, sondern als Bewegung.
Vielleicht liegt genau darin eine leise Qualität solcher Wege. Sie müssen nichts erklären, nichts erfüllen. Manches verbindet sich von selbst, im Gehen, im Wiederholen, im Unterwegssein. Und manchmal zeigt sich erst am Ende, was einen die ganze Zeit begleitet hat.
Winter, Grau und Licht
Der Winter zeigte sich auf diesem Weg nicht als verschneite Winterlandschaft, auch nicht als klare Frostlandschaft. Stattdessen wechselhafte Tage, in denen Grau, Nässe und Nebel ebenso ihren Platz hatten wie Sonne und Licht. Eine Jahreszeit im Übergang – unentschieden, offen, manchmal widersprüchlich.
Gerade dieses Wechselspiel prägte die Etappen. An manchem Morgen lag der Weg noch im Nebel, Wälder und Täler wirkten gedämpft, fast zurückgenommen. Und doch genügte oft schon ein kurzer Abschnitt, ein Anstieg oder eine Öffnung im Gelände, damit sich das Bild veränderte. Die Sonne brach durch Wolken, ließ Nebelbänke aufleuchten oder tauchte Landschaften für eine Zeit in warmes Licht.
In solchen Momenten zeigte sich, dass dieser Winter nicht ärmer ist als sein idealisiertes Gegenstück. Er ist nur fragmentierter. Das Licht kommt nicht flächig, sondern punktuell. Es bleibt nicht, sondern zieht weiter. Aber gerade dadurch wirkt es intensiver. Ein Hang im Sonnenschein, während das Tal noch im Grau liegt. Ein Wald, in dem sich Nebel hält, während darüber bereits blauer Himmel sichtbar wird.
Auch der Weg selbst fügte sich in dieses Bild. Die festen Untergründe des Jakobswegs, die ich sonst oft meide, erwiesen sich bei dieser Witterung als verlässlich. Teer und Schotter trugen dort, wo Pfade aufgeweicht gewesen wären. Das Gehen wurde weniger verspielt, dafür ruhiger. Gleichmäßiger. Und es ließ Raum, dieses Wechselspiel aus Licht und Zurückhaltung bewusst wahrzunehmen.
Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Qualität dieser Jahreszeit. Sie bietet keine dauerhafte Kulisse, keine gleichbleibende Stimmung. Sie verlangt Aufmerksamkeit für das, was sich zeigt und Akzeptanz für das, was ausbleibt. Schönheit entsteht nicht als Gesamtbild, sondern in Momenten. Und wer unterwegs bleibt, nimmt sie mit, ohne sie festhalten zu müssen.
So wurde dieser Weg auch zu einer Übung im Dazwischen. Zwischen Grau und Licht, zwischen Erwartung und Realität, zwischen dem Wunsch nach Winter und dem Winter, der sich tatsächlich zeigt. Kein Mangel, sondern eine andere Form von Fülle.
Fünf Etappen, ein innerer Verlauf
Erst im Rückblick wurde deutlich, dass diese fünf Etappen mehr waren als eine Aneinanderreihung von Wegen. Nicht, weil sie laut oder spektakulär gewesen wären, sondern weil sie sich mit jeder Etappe etwas klarer gezeigt haben. Landschaften, die antworteten. Orte, die in Erinnerung blieben. Und Momente, zu denen man weiß, dass man zurückkehren wird.
Die erste Etappe war ein Ankommen im Gehen. Der Start in Schwandorf, der Weg hinaus aus der Stadt, entlang der Naab, hinein in Landschaft und Wetter. Noch vorsichtig, noch beobachtend. Ein Losgehen ohne große Erwartungen, aber mit der Bereitschaft, sich auf das einzulassen, was kommt.
Die zweite Etappe öffnete den Raum. Der Hirschwald zeigte sich in wechselnden Bildern, Nebel und Sonne lösten einander ab, Licht brach durch und verschwand wieder. Es war eine Etappe des Wandels, in der sich zeigte, wie viel Tiefe auch in Vertrautem liegen kann, wenn man es nicht als gegeben hinnimmt.
Mit der dritten Etappe stellte sich eine andere Ruhe ein. Entlang der Lauterach wurde das Gehen gleichmäßiger, getragen vom stetigen Begleiten des Wassers. Keine großen Brüche, keine Überraschungen. Dafür ein Gefühl von Kontinuität. Ein Unterwegssein, das nicht drängte, sondern mitging.
Die vierte Etappe verlangte Ausdauer. Länger, grauer, weniger abwechslungsreich, und doch nicht leer. Sie machte deutlich, dass nicht jeder Tag glänzen muss, um seinen Wert zu haben. Manchmal besteht das Wesentliche darin, weiterzugehen, auch wenn nichts Besonderes passiert.
Die letzte Etappe schließlich war ein leiser Abschluss. Kein Höhepunkt, kein Zielmoment, kein Gefühl des Angekommenseins. Der Weg führte weiter, löste sich langsam auf, und ging in den Alltag über. So, wie er begonnen hatte.
Der Weg endete nicht mit einem Höhepunkt, sondern mit einer Rückkehr in vertraute Landschaften und schließlich in den Alltag des Nürnberger Lands.
Zusammen ergaben diese Etappen keinen klassischen Spannungsbogen, keine inszenierte Dramaturgie. Und doch erzählte der Weg – leise, ohne Anspruch, ohne Versprechen. Er zeigte, was Landschaften können, wenn man ihnen Zeit gibt. Und er bewies nichts im großen Sinn, sondern im Wiedersehen: im Hirschwald, an den Flüssen, an Orten wie der Annabergkapelle, der Ruine Roßstein oder der Klosterburg Kastl, die nicht verbraucht werden, sondern vertraut bleiben.
Vielleicht liegt genau darin seine Qualität. Der Weg wollte nichts erfüllen, aber er hat etwas hinterlassen. Nicht als Ziel, sondern als Erinnerung. Und als Einladung, wiederzukommen.
Fazit – Rückkehr statt Ankunft
Am Ende dieser fünf Etappen stand kein Ziel im klassischen Sinn. Kein Moment des Ankommens, kein Gefühl von Vollendung. Der Weg endete in Altdorf, ging durch ein Stadttor, über einen Marktplatz und mündete wieder in den Alltag. Unaufgeregt. Selbstverständlich.
Und doch hatte sich etwas verschoben.
Der Jakobsweg war für mich weniger eine Pilgerreise als eine Bewegung zurück. Zurück in Landschaften, die mich geprägt haben. Zurück in ein Gehen ohne Anspruch. Und zurück in eine Form von Ruhe, die nicht aus besonderen Orten entsteht, sondern aus Wiederholung, Aufmerksamkeit und Zeit.
Vielleicht braucht es dafür kein Label. Kein Ziel, dem man entgegengeht, und keinen Weg, dem bestimmte Bedeutungen zugeschrieben werden. Jeder mehrtägige Weg kann diese Tiefe entfalten, wenn man ihn nicht erfüllen lassen will, sondern ihm erlaubt, sich zu zeigen. Schritt für Schritt. Etappe für Etappe.
Was bleibt, ist kein Ergebnis, sondern eine Erinnerung. An Täler und Flüsse, an Wälder und Licht, an Orte, zu denen man gerne zurückkehrt. Und an das Gefühl, unterwegs gewesen zu sein. Nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um wieder näher bei sich selbst zu sein.
Zum Weg:
Die fünf Etappen dieser Tour habe ich in einer Komoot-Collection zusammengefasst.
Zur Collection auf Komoot
Manche Eindrücke lassen sich nicht gut in Worte fassen.
Sie bleiben als Bilder.
Bildessay
Unterwegs auf dem Oberpfälzer Jakobsweg.

































Tolle Eindrücke und Respekt für Deine Mühe und das nahezubringen!
Hallo Lars-Henrik,
ich danke dir vielmals für deinen Kommentar und deine Wertschätzung!
Viele Grüße,
Johannes
Hallo Johannes,
als ich 2021 komoot installiert habe, gehörte du zu den ersten Wanderern, denen ich auf ihrem Weg gefolgt bin. Nachdem du deine Wanderwelten eröffnet hast, lese ich deine ausführlichen Berichte. Dieser Bericht hat mich besonders beeindruckt. Du hast einen sehr schönen Text verfasst und die zugehörigen Bilder sind einfach klasse und sagen tatsächlich mehr als 1000 Worte.
Lieben Dank für all deine Mühe
Stefanie
Hallo Stefanie,
herzlichen Dank für deinen lieben Kommentar und dein Feedback! Es freut mich sehr, dass du mich auf meinen Wegen schon so lange begleitest – war doch 2021 auch bei mir das Jahr, in dem ich angefangen habe Komoot regelmäßig zu nutzen.
Schön, dass du auch hier zu den WanderWelten gekommen bist und dir meine Texte und Bilder gefallen.
Viele Grüße,
Johannes